wortsuchend, ausdruckgebend, laienphilosophisch. // Dies ist mein kleines "Notizbuch" und herzlicher Blog der meinen Gefühlen und Gedanken den Freiraum schenkt, sich hin und wieder experimentell zu suchen und, im Idealfall, in einer Fusion von Wort- und Gedankenspielen wieder zu finden und entfalten zu können. You can email me
Deru - 1979

1979

Deru

1979

Ich verliere mich. Verliere mich in der Zeit, verliere mich im Tag, verliere mich im Leben, verliere mich in Erinnerungen. Ich irre nicht herum. Auch irre ich mich nicht. Fühle, dass ich mindestens aus Zweien bestehe und doch keinem mehr oder weniger angehöre. Verliere mich im Zweifel. Spühre jedoch, nah an meinem Herzen, wie ich immer wieder versuche zu meinem Ich zu gelangen und verliere mich weiterhin. Verliere mich in Träumen, verliere mich in Lieben, verliere mich in Hoffnungen. Ich verliere mich ständig und halte doch an dem fest, was mich hält. Halte mich ganz fest am Loslassen und falle in den nächsten Augenblick. Falle unwiderruflich in meine Zukunft und höre diese Melodie, während ich mich wieder in dieser verliere, gerade weil ich im "mich verlieren" grenzenlos zu leben scheine …

"Memory is one of our greatest gifts, it gives us access to time, to identity, to dreams… Before music was such an easily traded commodity, it was often an experience to which people gave their full attention. Let’s bring that experience back. Let’s respect what music is worth." - Deru

Die Kreise werden kleiner. Sie waren einst groß, so groß, dass ich mich darin verlor. Eine riesige Fläche. Stand ich am Rand, konnte ich die gegenüberliegende Seite nicht sehen. Nur diese sich vor mir offenbarende riesige Fläche. Und mich selbst, wie ich in diesen Weiten versickerte. Ich trat hinaus aus dem Kreis. Ich trat wieder hinein. Kleiner schien mir der Kreis geworden, übersichtlicher, vertrauter. Die Zeit hatte den Rest mitgenommen. Ich verlor mich zwar noch immer, aber weniger häufig, weniger heftig. Ich sah nicht weiter, aber das Naheliegende um vieles klarer. Wenn Kreise kleiner werden, wirkt man größer. Und sie tun es, die Kreise, sie werden kleiner, immer kleiner. Manchmal macht mich das traurig, manchmal Angst. Und manchmal macht das die Dinge breiter, größer, greifbarer. Was noch da ist hat mehr Wert, mehr Gewicht. Die Kreise werden kleiner. Und die Kreise werden dichter. Bis ich mich dann fast gar nicht mehr verliere.

Schmetterling.

Ich lehne mich zurück an die Mauerwand des alten Fabrikgebäudes, höre die fernen Geräusche des Stadtverkehrs und fremde Menschen im Gespräch. Ich blicke auf das Stück Rasen am gegenüberliegenden Rand der Straße. Ein Schmetterling schwirrt umher. Dann zwei. Sie treffen sich, beginnen sich in der Luft mit schnellem Flügelschlag zu umkreisen. Einer den anderen. Fliegen dabei höher und höher und höher, bis sie irgendwann nicht mehr zu sehen sind inmitten des lichtüberfluteten Himmelblaus. Einfach weg. - Ich sehe mich. Mich hält hier nichts und doch bin ich fest mit meinen Fragen. Wie wäre das, so einfach weg? - Einfach so. Sofort. Gleich. Augenblicklich. - Am Besten zu zweit in geborgener Zweisamkeit. Irgendwo hin. Ganz ohne nachzudenken. Wäre dann auch alles anders? Nur weil ich woanders wäre? Wäre ich nicht auch wieder ein Fremder unter Fremden und noch immer der selbe, wenn ich dann irgendwo ankäme? Und warum ziehe ich nicht los in die Fremde, um sie mir bekannt zu machen, um zu schauen wo ich ankomme? - Ankommen wird gefolgt von losziehen. Aber ich ziehe nicht los. Ich bin frei und doch gefangen. Macht mich das traurig? Nein! Denn immerhin besteht die Möglichkeit irgendwann, vielleicht bald, vielleicht ganz bald, einmal den Anfang vom Ende dieser Gegenwart zu finden und bis dahin lasse ich mich von leuchtenden Schmetterlingen am Rand meines Lebensweges auf immer neue Reisen mitnehmen …

Und dann berührt mich das Licht am Morgen.
Weich und zart spricht es zu mir.
Spricht mit seinen sanften Farben:
"Komm. Komm einfach mit mir."
während es ganz langsam meine Arme
mit seinen warmen Strahlen bedeckt,
auf meinem Gesicht verweilen wollend,
um dann meine Augen mit Leben zu füllen.

"Komm. Komm flieg´ mit mir,
begleite mich irgendwo hin.
Ganz egal.
Komm.”

Ich gehe hinaus,
das Licht umhüllt mich,
wird zu meinem Begleiter.

Reue.

"Wenn das Schicksal ihn doch Reue empfinden ließe, brennende Reue, die das Herz zerbricht, die den Schlaf verscheucht, eine Reue, deren furchtbare Qualen einen vom Strick und vom Sturz ins Wasser träumen lassen! Oh, wie froh wäre er darüber gewesen! Qualen und Tränen sind doch auch Leben."

(Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Reumütig bin ich – ab und an, doch immer bezogen auf den Kontext. Betrachte ich die Reue bezogen auf mein Leben, auf mich, meine Entscheidungen und ohne das Einbeziehen anderer in meine Gedanken, kann ich klar sagen: “Nein, ich bereue nichts. Nicht eine Sekunde, nicht eine Entscheidung, nicht einen Weg, den ich eingeschlagen habe.” Sicher gibt es das ein oder andere Mal des Haderns und des Grübelns, kleine und auch große Zweifel. Doch blicke ich tief in mein Herz, lasse meine Seele sprechen, so finde ich keinen Grund zu bereuen. Ich glaube fest, dass jede Entscheidung, jeder Schritt seinen tieferen Sinn hat. Die einen nennen es Schicksal, andere glauben – woran auch immer.

Auch wenn es manchmal die “falsche” Entscheidung gewesen zu sein scheint oder gar ein Verzögern, Verdrängen oder Verschieben bereits eine Tür hat zufallen lassen, so öffnet sich doch meist eine andere. Bereichert durch die gewonnenen Erkenntnisse, gestützt durch die erlebten Erfahrungen und getragen vom zumeist spürbaren Lerneffekt, fühle ich mich bestätigt in meinen Gedanken. Zugegebenermaßen, Fehler mache ich – natürlich, wie jeder von uns. Doch versuche ich aus ihnen zu lernen, nehme sie an. So kehrt sich meist vermeintlich Schlechtes dann doch zum Guten, obgleich es manches Mal eine schmerzhafte und am eigenen Leib zu spürende und harte Lektion sein kann. Jede Entscheidung, ob gut oder schlecht, hat mich doch weitergebracht, mich zu dem gemacht, was ich heute bin und morgen sein werde. Am Ende des Tages bereue ich nichts. Denn, was wäre, wenn ich diese Erfahrung nicht hätte machen können? Was dann? Stagnation? Nichts scheint schlimmer als das.

Und dann gibt es noch, wie so oft, die andere Seite der Medaille, eine andere Form der Reue. Reue im Sinne der Selbsterkenntnis und vor allem Einsicht bezogen auf andere. Reue als Folge einer Handlung, die nicht zwingend nur mich selbst betrifft. Ein Moment, in dem ich vielleicht jemandem zu Nahe getreten bin, einen Menschen verletzt habe – körperlich oder auch seelisch. Bereue ich dann, was ich getan habe? Oh ja, ich glaube schon. Diese Form der Reue spüre und erlebe ich anders, denn nicht nur die Perspektive dieses zu betrachten, ist eine andere, sondern viel mehr wiegt der Aspekt schwer, dass es nicht nur mich selbst, mein Handeln, mein Leben betrifft. Ich in einem solchen Augenblick vielleicht nicht nur für mich selbst entschieden habe, ich eventuell beim Beschreiten meines Weges, jemand anderem heftig auf den Fuß getreten bin. Sobald eine weitere Seele, ein weiteres Herz, ein anderer Mensch betroffen ist, kann und muss ich Reue zeigen – und will es auch. Vor allem natürlich, wenn es unrecht ist, was ich gesagt, getan oder nicht getan habe. Wenn ich dem Menschen unverschuldet Leid zufüge, ihn verletze. Ja, dann bereue ich – zu tiefst. Und das ist auch gut so.

Nichtsdestotrotz beziehe ich dann auch in diese Gedanken der Reue die Frage nach dem Sinn mit ein. Frage mich, warum ist es geschehen, wieso passiert das jetzt? Warum handelst du so? Wieso hast du das getan. Nicht um mir selbst etwas schön zu reden oder gar eine Teilschuld abzuwälzen, sondern viel mehr um zu begreifen, zu verstehen, daraus zu lernen, es bei einem möglichen nächsten Mal anders zu machen. Es hilft mir die Tat zu bereuen, und dennoch nicht an dieser zu verzweifeln.

"Nur wer bereut, dem wird verziehen."

(Dante Alighieri)

Müde Herzen.

Das Herz schlägt. Mit Tausenden schlägt es und wehrt sich gegen den Takt der anderen. Längst ist der Schritt der gleiche, der Blick, die Hektik, die Besitz ergreift von den Gedanken. Nur das Herz wehrt sich noch dagegen. Gegen das grau der Häuser, den Lärm der Autos, das kalte Licht der Neonröhren. So viele Menschen auf einem Platz, so viele Herzen nebeneinander und doch kennt keines das andere beim Namen. Im Takt der Vergessenen schlagen sie. Im Takt der Verlorenen. Man hetzt und eilt und quetscht sich durch die Straßen. Rote Ampel. Stopp. Warte. Grün. Weiter. Laufen, quetschen, schieben, drängen, eilen. Tunnelblick. In Tunneln scheinen wir zu leben. Alles einsteigen. Die Türen schließen automatisch. Keine Möglichkeit zur Flucht bis zur nächsten Station. Tunnel, Röhre, Rolltreppe, Tunnel, Sehnsucht. Oh, du liebste Sehnsucht. Der Blick ergraut und das Herz wird müde. So aussichtslos scheint der Kampf. Das Herz sehnt sich nach dem Horizont, will hinaus aus dieser immer fremden Stadt, zurück zur Menschlichkeit.

Christian Löffler - Roman

Roman

Christian Löffler

Young Alaska

Klänge säumen den Raum in einen weichen Zufluchtsort. Die Musik malt Bilder auf geschlossene Augenlider, erschafft abrupte Sprünge zu immer neuen Formationen und schiebt die schwere Gedankenwelt des Alltags in einen fernen Hintergrund. Schafft Freiraum zum atmen ganz neuer Stücke. Freiraum für Geschichten und Wahrheiten. Freiraum um ein Stück weit fliegen zu können. Der letzte Ton wird klingen, jedoch was bleiben kann ist Nähe.

Manche Bilder verwischen allmählich in meinem Kopf. Die Farben verlaufen zu unidentifizierbaren Strukturen. Es schaut spannend aus, jedoch ergeben sie keinen klaren Sinn mehr. Ich mochte diese Bilder, als ich sie berühren und spüren konnte, wie das Relief getrockneter Acrylfarbe welche sich pigmentstark über ein weißes Blatt Papier legt. Ich mochte sie auch, als ich sie in Erinnerung behielt und sie für mich greifbar waren. Doch es ist anstrengend sie aufrecht zu erhalten, im Geiste, diese Farben, den Geruch, das Gespür. Das Alte. Die neuen Bilder suchen ihren Weg, wollen an mich heran treten, doch das loslassen von den alten ist so schmerzhaft schwer und somit spüle ich die letzten Tropfen alte Farbe aus meinem Inneren im Tränenfluß hinaus, um Platz zu schaffen für klare farbenfrohe Strukturen auf der Leinwand des Lebens im dumpfen Schein der Erinnerungen.

Zwischen den Zeiten.

"Vielleicht verlierst du dich dort draußen. Vielleicht verlierst du dich auch in dir. Vielleicht verlierst du. Aber du kannst ankommen. Trotz aller Irrwege wirst du ankommen. Vielleicht nicht dort, wo du hin willst, aber dort wo du hin gehörst. Du wirst ankommen… "

Es gibt wohl immer wieder diese Zeiten, in denen man seinen Balast einfach nicht los wird. In keinem Ohr, an keiner Schulter. Ihn immer weiter schleppt, standhaft bleibt und versucht Zuversicht und Verzweiflung irgendwie zu kombinieren, weil man doch in längst vergangenen Tagen die Gabe in sich fand hoffen zu können. - Hoffnung gibt außerordentlich viel Kraft. - Und mit Hoffnung lässt sich mancher Balast so lange (er)tragen bis dieser doch tatsächlich Beine bekommt und sich ganz von selbst verflüchtigt.

Und neben all dieser gewonnen Hoffnung beruhigt es mich umso mehr, dass es der Rest der Welt scheinbar auch nicht leichter hat, mit dem was man darstellt und mit dem was man eben fühlt kombinieren zu müssen. Vielleicht gebe ich mich damit zufrieden, dass ich mich selbst nur verstehen kann, wenn ich mein provisorische Ich akzeptiere und zu verstehen lerne, dass die Wahrnehmung dieses Provisoriums von Mensch zu Mensch verschieden ist. Die Tatsache, dass ich hier und da weiterhin missverstanden werde oder selbst missverstehe, wird auch weiterhin bestehen bleiben. Was jedoch nicht weiter zu bedauern ist, solange ich und jeder Mensch versucht seinem Klang treu zu bleiben und sich näher an die eigene Persönlichkeit herantastet. Und wenn ich dann zwischen diesen Zeiten des Hinterfragens, des Suchens und (Ver-)Zweifelns wieder voll und ganz bei meinem Ich angekommen bin, heißt es: “Weiter leben. Weiter suchen. Ganz einfach das zu wollen was es noch gibt. - Ganz unbeirrt.”

Weiß.

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Die Seiten bleiben weiß in dieser Stille. In diesen Momenten des Schweigens. In der Suche nach Ausdruck. In einer Zeit in der sich so viel bewegt, in der soviel Um- und Aufschwung meinen Alltag beherscht. In einer Zeit in der ich Freude, Glück und Zuversicht im gleichen Zuge einatme, wie Traurigkeit, Angst und Bedenken. Solch viele Worte versuche ich zu finden, die zum Ausdruck bringen könnten was ich fühle und denke und doch scheint alles stumm und taub. Es fühlt sich an wie in einer Art Trance. Ich starre auf das Papier und falle hinein in die Monotonie des weißen Blattes. Ich fühle mich dabei nicht schlecht - ganz im Gegenteil. Unbehagen bescheert mich nur diese Ausdruckslosigkeit. Diese stetige Suche nach der Kombination von Kopf und Herz, die sich zeitweilen in dumpfen Sackgassen verlaufen oder sich in unendlichen Rotationen verlieren.

Vielleicht ist es aber auch nur die Stille wie in der Mitte eines Liedes, ganz unerwartet, kurz bevor es seinen Höhepunkt findet. Vielleicht ist es die Stille zwischen den Worten, in der das eine dem anderen den Freiraum gibt, sich entfalten zu können. Vielleicht ist es die Stille, wie in den ganz frühen Morgenstunden, in denen die Nacht und der Morgen für eine kurze Zeit undefinierbar erscheinen. Vielleicht ist es aber auch nur diese Stille, die mir zeigen will, dass ich gar kein Wort sagen oder schreiben muss, weil es einfach mal nötig ist nichts in Worte zu fassen. Diese bedeutenden Momente zwischen den Welten der sonst so weit voneinander entfernten Gefühle wahrnehmend. Ganz und gar ausdruckslos. Vielleicht sollte ich einfach die Augen schließen, den Wind und die Ruhe genießen und einfach mal anhalten und einatmen und ausatmen und einatmen.

Ich schließe meine Augen, atme ein, atme aus und spüre wie sich die Freude, das Glück und die Zuversicht, die Traurigkeit, die Angst und all die Bedenken zusammentun und wie wir gemeinsam der Monotonie des ausdruckslosen weißen Blattes in meinem Notizbuch und dem Zwang nach Worten entfliehen. Dies ist die Stille zwischen den Worten, die ich nicht mit hundert Worten beschreiben kann.

Die Seiten bleiben weiß.